Was sind Psychosen?
Dieser Begriff ist eine allgemeine Bezeichnung für eine Vielzahl seelischer Krankheiten. Man unterteilt Psychosen
in verschiedene Gruppen und Einzelformen. Die beiden Hauptgruppen sind endogene und exogene (körperlich begründbare)
Psychosen.
Bei den endogenen Psychosen sind die genauen Ursachen nicht bekannt. Vermutet werden u. a. erblich bedingte Stoffwechselstörungen
des Gehirns.Zu den endogenen Psychosen zählen die schizophrenen und schizoaffektiven Psychosen. Bei diesen
stehen Sinnestäuschungen, Wahnvorstellungen, Störungen des Denkens, der Ich-Wahrnehmung und der Gemütsverfassung
im Vordergrund.
Was ist Schizophrenie?
Der Begriff "Schizophrenie" oder auch "schizophrene Psychose" bezeichnet seit über 100
Jahren den Zustand der Bewußtseinsspaltung, in der der Patient sowohl die "wirkliche Realität"
als auch eine "zweite" Realität wahrnimmt. Damit ist jedoch nicht "Spaltung der Persönlichkeit"
gemeint, sondern eher, dass man die Umwelt und sich selbst nicht mehr als einheitlich erlebt. Die Betroffenen
bewahren jedoch ihre persönliche Eigenart und Individualität.
Es gibt kein einheitliches Krankheitsbild, einige Patienten hören Stimmen, die sie beeinflussen, andere haben
visuelle oder sensorische Halluzinationen. Selbst bei ein- und demselben Patienten kann Schizophrenie zu unterschiedlichen
Zeiten unterschiedliche Ausprägungen haben. Dennoch lassen sich einige typische Gemeinsamkeiten finden, die
jedoch nicht alle gleichzeitig vorliegen müssen:
- Halluzinationen, also Sinnestäuschungen oder Trugwahrnehmungen, z. B. lautes Hören innerer Stimmen
- Wahnerlebnisse, vor allem wahnhafte Beeinflussung und Verfolgungswahn
- Ich-Störungen, d. h. die eigenen innerseelischen Abläufe werden als von außen und von anderen
gemacht, gelenkt und beeinflußt erlebt
- Denkstörungen
- Störungen von Antrieb und Psychomotorik
Insgesamt fühlen jedoch alle Patienten eine Überflutung von Reizen und Wahrnehmungen.
Durch den Wahrnehmungsstress und die Überforderung des Gehirns, all diese Wahrnehmungen zu verarbeiten, entsteht
der Zustand, den wir "schizophren" nennen: Der Patient wird zum Mittelpunkt einer eigenen Welt, die
von der Wirklichkeit abweicht und von seinen fehlinterpretierten Wahrnehmungen regiert wird.
Selbst im akuten Zustand der Gedankenverwirrung arbeitet der Verstand des Kranken jedoch "normal": Er
versucht, für seine "verrückten" Wahrnehmungen logische Erklärungen zu finden. Schizophren
Erkrankte haben auch heute noch gelegentlich und vor allem während ihrer psychotischen Leidenszeit mit geistigen
Leistungseinbußen zu kämpfen. Dies ist aber nicht gleichzusetzen mit einem Abbau der Intelligenz.

Wie äußert sich Schizophrenie im Fühlen und Erleben des
Erkrankten?
Grundsätzlich sind Schizophrene hochgradig empfindsam für äußere und innere Vorgänge.
Sie reagieren um ein Vielfaches emotionaler als andere Menschen, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht:
Einige Schizophrene sind depressiv, hilflos, lustlos, voller Angst, kontaktscheu und oft sogar selbstmordgefährdet.
Andere hingegen sind scheinbar optimistisch, fröhlich und gut gelaunt. Diese positive Stimmungslage wirkt
jedoch oberflächlich und kann (beispielsweise in ernsten Gefahrensituationen) völlig unangemessen sein.
Manche Patienten können ihre Gefühle nicht mehr so intensiv wie früher empfinden oder können
sie nicht durch den Gesichtsausdruck, durch die Stimmfärbung oder durch Gesten mitteilen.
Manchmal kommt es in der akuten Psychose zu Erregungszuständen, wobei der Patient gegen andere oder auch
gegen sich selbst aggressiv werden kann.
Manche Patienten hören Stimmen, die sie beeinflussen, andere haben visuelle oder sensorische Fehlvorstellungen.
Selbst bei ein und demselben Patienten können sie zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Ausprägungen
haben. Einige der Fehlvorstellungen, die bei Schizophrenen häufiger vorkommen, sind:
- Verfolgungswahn, das Gefühl, das Opfer dunkler Machenschaften zu sein
- Lautes Hören innerer Stimmen
- Gefühl der Bedrohung durch Gifte, Strahlen oder Magnetismus
- Diebstahl oder Beeinflussung der Gedanken durch andere Menschen

Wie äußert sich Schizophrenie im Denken und Sprechen des Erkrankten?
Die normalen Denkprozesse, also logische Schlussfolgerungen, Assoziation, kreative Ideenfindung, Verarbeitung
von Informationen, funktionieren selbst im akuten Zustand der Bewusstseinsverwirrung weiter, d. h. der Patient
versucht, für seine "verrückte" Wahrnehmung logische Erklärungen zu finden. Dabei folgt
er jedoch den Fehlinformationen seines Wahns.
Er glaubt an die unumstößliche Richtigkeit seiner Wahrnehmungen und findet daher immer Gründe
für sein Denken und Verhalten. In seiner fehlgeleiteten Wahrnehmungs- und Erlebniswelt wird der Patient schnell
zum Zentrum aller Ereignisse (extreme Ich-Bezogenheit).
Für den Außenstehenden, der die persönliche irreale Erlebniswelt des Kranken nicht wahrnehmen
kann, wirken die Gedankengänge wirr und zusammenhanglos. Im Gespräch geht der Schizophrene nicht auf
seine Partner ein.
Manchmal stürzen viele Gedanken gleichzeitig auf den Betroffenen ein, die sich nur schwer in einen Zusammenhang
bringen lassen. Er erfindet neue Begriffe oder deutet Vertrautes und Alltägliches in neuer Weise, so dass
ihn seine Mitmenschen und Gesprächspartner nur schwer verstehen. Die Gedanken haben eine eigene, persönliche
Logik, wirken zerfahren.
Manchmal erlebt sich der Patient auch wie blockiert: Ihm fallen keine Worte ein oder er kann Geplantes nicht umsetzen.
Unwichtige Einfälle lenken ihn ab, er kann Gedanken nicht zu Ende bringen. Oft formuliert der Kranke keine
vollständigen Sätze mehr, seine Sprache zerfällt in Bruchstücke.

Welche Auswirkungen hat die Schizophrenie auf den Körper des Erkrankten?
Viele Schizophrene nehmen in der Anfangsphase unerklärliche, aber erkennbare körperliche Beschwerden
wahr. Zu den Symptomen können Beschwerden in der Herzgegend gehören, genauso wie Schmerzen im Hals-
und Schulterbereich und körperliche Affekthandlungen (Zucken etc.).
Die Patienten haben das Gefühl, ihre Bewegungen und ihre Mimik nicht mehr richtig kontrollieren zu können,
beobachten Veränderungen in der Stimmlage und Sprechweise. Dies kann zu großer Unsicherheit und Scheu
im Umgang mit anderen Menschen führen, aber auch dazu, dass Worte und Bewegungen umgebender Personen nachgesprochen
bzw. nachgeahmt werden.
Die vorhin beschriebenen Störungen des Gefühlslebens können sich auch in körperlichen Antriebsstörungen
ausdrücken: Sie reichen von einer Antriebsarmut bis hin zu einer Antriebssteigerung. Extremzustände
einer Antriebsstörung sind eher selten; viel häufiger belastet inzwischen das, was man als Minus- oder
Negativsymptomatik bezeichnet: eine allgemeine Antriebseinbuße mit Energielosigkeit, fehlender Spontaneität,
Rückzugsverhalten und einer sich daraus ergebenden Kontaktverarmung. Parallel dazu fällt vor allem eine
Verarmung des Gefühlslebens auf.

Wie verläuft Schizophrenie?
Die schizophrene Psychose ist eine schwerwiegende Erkrankung; sie kann jedoch sehr verschieden verlaufen:
- 10 - 20 % der Schizophrenen erleben nur eine einzige Krankheitsepisode und danach vollständige Wiederherstellung.
- 40 - 60 % der Patienten erleben mehrere Episoden; in den dazwischenliegenden Intervallen bestehen keine oder
nur leichte Behinderungen.
- 20 - 30 % müssen langfristig mit mittleren bis schweren Krankheitserscheinungen leben. Aber auch bei
langfristigem Verlauf kommt es zu Phasen der Besserungen.
Wie häufig ist Schizophrenie?
Schizophrenien treten fast überall auf der Welt etwa gleich häufig auf. Man kann davon ausgehen, dass
von 100 Menschen einer im Verlauf seines Lebens typische Symptome entwickelt.

Welches Alter ist typisch für den Beginn der Schizophrenie?
Oft beginnt ein Schizophrenie zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr, manchmal wird jedoch auch ein später Beginn
nach dem 40. Lebensjahr beobachtet. Die Erkrankung beginnt nicht "von heute auf morgen", sondern entwickelt
sich im allgemeinen schleichend über viele Jahre.
Gibt es geschlechtspezifische Unterschiede?
Frauen und Männer sind insgesamt annähernd gleich betroffen. Allerdings zeigen sich bestimmte Schwerpunkte
ab:
Beim männlichen Geschlecht zeigt sich ein steiler Anstieg des Krankheitsausbruchs zwischen 15 und 24 Jahren.
Bei Frauen findet sich ein erster flacher Anstieg zwischen 20 und 29 und ein zweiter noch niedrigerer zwischen
45 und 50 Jahren. Hier hat das weibliche Geschlecht dann aber auch ein dreifach höheres Erkrankungsrisiko.

Was sind die Ursachen für Schizophrenie?
Die Ursache der Schizophrenie ist bis heute ungeklärt. Es gibt viele Vermutungen, wie eine schizophrene Psychose
entsteht. Diskutiert werden biochemische Veränderungen im Gehirn. Man weiß, dass belastende Lebenssituationen
Rückfälle und Ersterkrankungen auslösen können, wenn eine entsprechende erbliche Veranlagung
dafür besteht. Es gibt heute auch gute Gründe anzunehmen, dass Störungen in der frühkindlichen
Gehirn-Entwicklung bei der Erkrankung eine Rolle spielen können.

Welche Rolle spielt Vererbung?
Statistisch wurde erwiesen, dass Schizophrenie in der Tat familiär gehäuft auftritt. Nicht die Schizophrenie
selbst, d.h. nicht die akute Erkrankung wird vererbt, sondern die Veranlagung. Daher läßt sich keine
Vorhersage über die Regelmäßigkeit des Auftretens der Erkrankung treffen.Während das Erkrankungsrisiko
in der Durchschnittsbevölkerung um 1 % liegt, steigt es bei Kindern zweier schizophrener Eltern auf über
40 % an.

Wie wirken sich Stoffwechselstörungen im Gehirn aus?
Forscher vermuten, dass eine der Hauptursachen der Schizophrenie eine Stoffwechselstörung im Gehirn ist.
Die Übermittlung von Informationen im Gehirn erfolgt durch zahlreiche Botenstoffe wie z.B. Dopamin, Serotonin
und Glutamat.
Bei der Schizophrenie liegt nach allem, was man heute weiß, ein Ungleichgewicht dieser informationsleitenden
Stoffe vor. Das wiederum führt dazu, dass das Gehirn mit der Verarbeitung der im Übermaß übermittelten
Informationen und Reize überfordert ist. Damit sind die Schizophrenie, schizoaffektive und ähnliche
Störungen genauso eindeutig definierte Krankheiten wie z. B. Diabetes (Blutzuckerkrankheit) und hoher Blutdruck
(Hypertonie).

Welche Bedeutung können psychosozialen Faktoren haben?
Die spezifische Verletzbarkeit (Vulnerabilität) für eine Schizophrenie ergibt sich immer aus der Wechselwirkung
biologischer und psychosozialer Bedingungen. Ungünstige biologische Bedingungen können durch eine günstige
psychosoziale Umgebung in gewissem Maße kompensiert werden. Negative biologische Bedingungen können
verstärkt werden.
Allerdings darf die Bedeutung der psychosozialen Umgebung auch nicht überschätzt werden. In vielen Familien
treten vorübergehend Belastungen auf, ohne dass deshalb ein Familienmitglied an einer Schizophrenie oder
an einer anderen psychischen Störung erkrankt.

Was ist das Verletzlichkeits-Streß-Modell?
Eindeutige Ursachen oder Auslöser für die schizophrenen Erkrankungen bzw. für einzelne Krankheitsphasen
konnten bisher nicht gefunden werden. Daher wurden Modellvorstellungen entwickelt, wie es zu einer derartigen
Erkrankung kommen kann.
Belastende Ereignisse, seelische Spannung und Konflikte muss jeder in seinem Leben durchmachen. Kommt aber eine
ererbte Veranlagung, ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn und die besondere Empfindsamkeit hinzu, kann
eine Schizophrenie entstehen.
Menschen, die an Schizophrenie erkranken, reagieren wesentlich empfindsamer auf äußere Einflüsse
und Emotionen als andere Menschen. Die "Haut", die ihre Seele schützt, ist nur dünn und kann
die Aufgabe, eine Grenze gegen Streß zu bilden, nicht vollständig erfüllen. Das Maß der
Verletzbarkeit bei Schizophrenen liegt um ein Vielfaches über dem "gesunder" Menschen.

Was sind Neuroleptika?
Akute Schizophrenien lassen sich durch Medikamente beeinflussen, die als Neuroleptika oder Antipsychotika bezeichnet
werden. Um die Wirkungsweise der Neuroleptika verstehen zu können, muss man in groben Zügen wissen,
wie Nervenzellen funktionieren.
Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark sind untereinander verbunden. Jede Nervenzelle steht mit ungefähr
10.000 anderen Nervenzellen in Kontakt und empfängt Informationen von ebenso vielen. An den Synapsen, den
Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen, werden die Nervenimpulse mittels sogenannter Botenstoffe weitergeleitet.
Es gibt in unserem Zentralnervensystem eine Vielzahl solcher Botenstoffe. Einer davon ist das Dopamin.
Viele Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei Schizophrenie ein Überangebot von Dopamin vorliegt
und das Gehirn mit der Verarbeitung der in Übermaß übermittelten Informationen und Reize überfordert
ist.
Die auf einen Nervenimpuls hin von einer Nervenzelle ausgeschütteten Botenstoffe binden auf der Empfängerzelle
an bestimmte, nur für diesen Botenstoff spezifische Eiweißmoleküle, die sogenannten Rezeptoren.
Für Dopamin sind das die Dopaminrezeptoren, wovon es wiederum mehrere Untergruppen gibt. Alle Neuroleptika
binden mehr oder minder stark an bestimmte dieser Subtypen und blockieren diese damit. Dopamin kann nun nicht
mehr an diesen Rezeptoren wirken. Dadurch wird die bei Schizophrenen erhöhte Reizübermittlung durch
Dopamin reduziert und auf ein "Normalmaß" zurückgebracht.
Die sehr komplexe Verschaltung der Nervenzellen untereinander und das Wechselspiel der verschiedenen Botenstoffe
lassen vermuten, dass neben Dopamin auch noch andere Botenstoffe, wie z. B. das Serotonin oder das Glutamat, bei
schizophrenen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen. Daher wurden auch Anti-psychotika entwickelt, die nicht
nur das Dopaminsystem, sondern auch das Serotoninsystem beeinflussen.

Welche Strategien gibt es, um Rückfälle zu vermeiden?
Ein Rückfall kündigt sich meistens an, indem Frühwarnzeichen auftreten, Krankheitssymptome zurückkehren
oder sich plötzlich verschlimmern. Deshalb kann man sich durch geeignete Maßnahmen davor schützen:
- Kenntnis der Frühwarnzeichen
- Kontaktaufnahme und Gespräch des Betroffenen zu einer Vertrauensperson und mit dem behandelnden Arzt
- Entlastung durch Reduktion von Aktivitäten
- Ergreifen von Schutzmaßnahmen durch Vermeidung von belastenden und gefühlsbeladenden Situationen
- Regelmäßige Medikamenteneinnahme

Welche Frühwarnsignale gehen einer Schizophrenie voraus?
Es ist wichtig, die Frühwarnsignale eines Rückfalls in psychotisches Erleben rechtzeitig erkennen zu
können, die bei jedem Patienten individuell ausgeprägt sind. Für den Einzelnen muß überprüft
werden, ab wann einzelne Signale Anzeichen für eine nahende Psychose und nicht Teil normaler Befindlichkeitsschwankung
sind:
- Spannung und Nervosität
- Unruhe und Schlafstörungen
- Appetitverlust
- Veränderung der Ess- und Trinkgewohnheiten
- Konzentrationsstörungen
- Sozialer Rückzug
- Vernachlässigung der Körperpflege
- Veränderung im Tagesablauf
- Schwierigkeiten im beruflichen Bereich (Leistungsabfall)
- Depressive Verstimmung
- Interessenverlust
- Verlust an Freude
- Wertlosigkeitsgefühle
- Medikamenteneinnahme plötzlich abgesetzt (abnehmende Krankheitseinsicht)
- Misstrauen
- Reizbarkeit/ Aggression
- Übererregung
- Gefühl der Schwäche
- Geräuschempfindlichkeit
- Schlechte Träume
- Grundloses Unwohlsein
- Zunehmende Religiösität
- Gefühl, verspottet zu werden
- Gefühl, alles auf sich zu beziehen
- Zwangsgedanken
- Stimmen hören
- Gefühl, beobachtet und kontrolliert zu werden
- Körperliche Veränderungen (z. B. Magenschmerzen, Kopfdruck, Zittern)
